(Quelle Handelsblatt vom 21.04.2010)

In E-Mails wird mehr gelogen als in handgeschriebenen Briefen. Das belegen Experimente von US-Forschern. Offenbar empfinden wir E-Mails als weniger persönliche Form der Kommunikation – und fühlen uns daher weniger an moralische Normen gebunden.

HEIDELBERG. E-Mails fördern offenbar die Bereitschaft zur Lüge. US-amerikanische Forscher gingen in ihren Experimenten der Frage nach, ob die Art der Kommunikation zwischen Menschen sich darauf auswirkt, ob sich die Beteiligten gegenseitig übers Ohr hauen. Dabei stellten sie fest, dass es einen Unterschied macht, ob man E-Mails oder handgeschriebene Briefe austauscht – die Probanden, die sich auf elektronischem Wege mit ihren Mitspielen verständigten, logen ihre Partner deutlich häufiger an.

Das fanden die Forscher um Terri Kurtzberg von der Rutgers Univerity in New Jersey in einem Ultimatumsspiel mit 48 angehenden Ökonomen heraus. Dabei sollten die Probanden einen vorgegebenen Geldbetrag, hier 89 Dollar, in beliebiger Weise zwischen sich und einem Mitspieler aufteilen. Als Reaktion kann der Mitspieler den angebotenen Betrag annehmen, dann wird das Geld aufgeteilt, oder ablehnen – im letzteren Fall gehen beide beteiligten leer aus. In diesem Spiel mussten die Probanden dem Mitspieler zusätzlich mitteilen, wieviel Geld im gesamten Topf ist – und hatten die Möglichkeit, an diesem Punkt zu lügen, um ihr Angebot besser erscheinen zu lassen. Genau das taten auch die meisten.

Wie viele der Teilnehmer allerdings logen, hing von der Art der Kommunikation zwischen den Beteiligten ab: Während ein Teil der Probanden ihr Angebot ganz altmodisch zu Papier bringen und in einen Briefkasten werfen sollte, kommunizierte die andere Gruppe per E-Mail. Diese Gruppe erwies sich im Vergleich als unehrlicher und egoistischer: Neun von zehn Teilnehmern der E-Mail-Gruppe sagten über den aufzuteilenden Geldbetrag die Unwahrheit, während es in der Brief-Gruppe nur zwei Drittel waren. Auch die absolute Höhe ihres Angebots war deutlich geringer.

Als zentrale Ursache dieses Verhaltens vermuten die Autoren, dass die meisten Probanden E-Mails als weniger persönliche Form der Kommunikation betrachten und sich deswegen weniger verpflichtet fühlen, dem anderen gegenüber moralisch zu handeln – ein Phänomen, das in der Psychologie als moralische Ablösung bezeichnet wird.

Außerdem nehmen die Autoren an, dass ein weiterer Effekt unmoralisches Handeln begünstigt: Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass es den meisten Menschen einfacher fällt, Verstöße gegen die eigenen moralischen Normen zu rechtfertigen, wenn die Normen einer Situation unsicher oder unklar sind. Die elektronische Kommunikation wird nicht nur als weniger verbindlich wahrgenommen, es existieren außerdem noch keine klaren Verhaltensregeln, die vorgeben, was akzeptabel ist und was nicht. So fällt es dem einzelnen leichter, sein unmoralisches Handeln schönzureden.

Quelle: spektrumdirekt.de