Interview mit Uwe Böning
(aus Newsletter Coachingwiese, April 2010)
Anmerkung DS: Interessante Position: Business-Coaching – ein opportunitätsgetriebenes Geschäft?
„Unter Business-Coaches wird es zunehmend eine Spezialisierung geben, ähnlich wie sich bis heute in der Medizin die Fachgebiete heraus differenzierten.“
Neue Formen von Business-Coaching erobern den Markt. Über Beispiele und Trends spricht die CoachingWiese mit Uwe Böning, Managementberater, Business-Coach und Geschäftsführer von Böning-Consult.
Herr Böning, Berater oder Coach – welche Bezeichnung ist richtig? Worin sehen Sie den Unterschied?
Je nach dem, ob es um eine Fachberatung und Projektbegleitung geht oder um ein persönlichkeitsentwicklungsbezogenes Coaching. Berater sind „Fachtreiber“, arbeiten z.B. an der Entwicklung einer Unternehmensstrategie mit. Coaches sind stärker personenbezogen, emphatisch und verfügen zumeist über eine andere Ausbildung. Mit Coaches kann man kaum eine systemische Unternehmensstrategie entwickeln, und die wenigsten besitzen eine hinlängliche Strategieumsetzungerfahrung.
Was macht ihre Arbeit als Business-Coach aus? Verraten Sie uns, welche Methoden Sie gerne in Ihren Coachings anwenden?
Ich vertrete explizit einen integrativen methodenpluralistischen Ansatz, stark gebunden an Systemische Ansätze, Gesprächstherapie, an klassische wie kognitive verhaltenstheoretische Ansätze und andere kommunikationsfokussierte Konzepte, wie z.B. die Transaktionsanalyse. Ich beziehe mich sehr auf die wissenschaftliche Begründung im Sinne des „evidenzbasierten Coachings“. NLP nutzen wir weniger. Wir arbeiten ganz fokussiert auch mit Kurzzeitansätzen, z. B. bei unserem neuen „A-B-C Airport-Business-Coaching“.
Was machen Sie denn bei diesem neuen Konzept anders?
Das A-B-C Airport-Business-Coaching hat zeitliche und inhaltlich starke Schwerpunkte: Die Kunden möchten in kurzer Zeit ein konkretes, begrenztes Thema besprechen und zielorientiert lösen. Deshalb haben wir hier keinen Persönlichkeitsentwicklungs-Fokus, denn hier geht es zeitlich ja nicht um 10-20 Sitzungen, sondern um zwei, drei Stunden oder um einen Tag. Folglich stehen im Vordergrund: Zielpräzisierung, Lösungsorientierung, Klärung von Handlungsalternativen und ein realistisches Feedback als Einstieg in eine individuelle Ressourcenaktivierung.
Gibt es messbare Erfolgskriterien für ein Business-Coaching?
Der normalste Ansatz zur Erfolgsmessung sind ja die Einschätzung des Teilnehmers und die des Coaches. Wir fragen aber nicht nur nach der Zufriedenheit oder dem Zielerreichungsgrad und dem Transfer in die Praxis aus der Sicht des Coaching-Partners. Wir prüfen nach Möglichkeit auch aus der Sicht des Umfeldes: Inwieweit hat X sein Führungs- oder Konfliktverhalten wirklich geändert? Dazu befragen wir oft das Umfeld des Coaching-Partners –Kollegen, Mitarbeiter, Vorgesetzte- und nutzen auch Instrumente wie beispielsweise Tests oder ein standardisiertes 360-Grad-Feedback im Unternehmen.
In wie weit muss ein Business-Coach in die Unternehmensziele, die Werte, das Markenversprechen, u.ä. eingeweiht sein, um die Führungskraft optimal bei seinen Fragestellungen zu coachen?
Unmittelbar beziehe ich das in meine Arbeit als Topmanagement-Coach mit ein, sehr geprägt von Salvador Minuchins Prämisse „keine Veränderungsintervention ohne Anschlussintervention“. Coaches wirken häufig viel zu schnell auf persönliche Veränderungen ein ohne das Umfeld, das Selbstbild, die Marke des Unternehmens einzubeziehen. – Ein Beispiel: Der Vorstandsvorsitzende und ein weiterer Vorstand eines großen Markenunternehmens sitzen mir gegenüber. Sie haben Produkte mit hohem Glaubwürdigkeits-Versprechen an den Endkunden. Wir reden über den Vertriebsvorstand, der diese Produkte zwar sehr gut verkauft und in der Außenkommunikation sehr kundenorientiert ist. Jetzt hat er aber zunehmend neue Aufgaben im Unternehmen und arbeitet da aber überhaupt nicht mitarbeiterorientiert. Die Vorstände und besonders die Mitarbeiter empfinden ihn innen jetzt als sehr störend. Sein Führungsstil gehöre überhaupt nicht zum Selbstverständnis des Unternehmens. Der Auftrag für mich war dann, mit ihm so zu arbeiten, dass er in diesem neuen Aufgabenfeld im Unternehmen anders führt und mit den Mitarbeitern positiver umgeht – eine herausfordernde Aufgabe.
Als Business-Coaching-Experten können Sie uns sagen, wohin der Trend für Business Coaches geht?
Für Business-Coaches auf mittlerer Ebene ist das Thema Mitarbeiterführung, das ist eher personenfokussiert, auf Top-Level hingegen ist das Thema eher Unternehmensführung. Das ist ein Schwerpunktunterschied. Und es wird zu immer mehr Unterscheidungen und Spezialisierungen kommen. Coaches müssen sich mit den Milieuunterschieden ihrer Kunden auseinandersetzen. Kunden kommen mit unterschiedlichen Spieregeln, Zielen und Spezifika der Milieus. In der Modebranche agiert man anders als in einem traditionellen Stahlkonzern. Generell ist das Coaching-Business zwangsläufig ein opportunitätsgetriebenes Geschäft (aber kein opportunistisches!): Man macht eben das, was nachgefragt wird. Aber Life- und Gesundheits-Coaching z.B. kann man nicht in allen Milieus oder auf allen Hierarchie-Ebenen erfolgreich anbieten, denn Work-Life-Balance spielt für einen Technikvorstand in einem DAX-Unternehmen in der Regel keine große Rolle. In seinem Selbstverständnis und seiner Selbstdefinition haben die viele Arbeit und seine Gestaltungsrolle einen anderen Stellenwert. Business-Coaches werden sich diese Unterschiede künftig viel genauer ansehen müssen, um zielgenau erfolgreich sein zu können.
Herzlichen Dank für das Gespräch!